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travestie

"Comme il disent" [Wie sie sagen]

von Charles #Aznavour ist ein Chanson das eine #queer|e Lebenswirklichkeit im Frankreich der 50/60er Jahre beschreibt. In für Aznavour typischer Weise erzählt das Lied eine ganze Geschichte, die eines einsamen schwulen Mannes.

Die Geschichte ist dabei auch eine glokale queere Geschichte, denn sie ist fest in Frankreich, in Paris verankert, weist jedoch in ihrer Bedeutung darüber hinaus, da es ähnliche Geschichten überall auf der Welt gab (und teilweise auch heute gibt).

Der Mann lebt bei seiner Mutter, in einer alten Wohnung des 15. Arrondisment in der Rue Sarasate, ein Hinweis, dass er zur unteren Mittelschicht gehört. Zuhause verrichtet er gern die Haushaltsarbeit und kümmert sich gern um seine Mutter. Weitere Gesellschaft leisten eine Schildkröte, zwei Kanarienvögel und eine Katze.

Er verrichtet die - insbesondere damals - stereotyp 'femininen' Tätigkeiten gern und hat auch gutes Auge für Schönheit (Je suis un peu décorateur Un peu styliste), aber sein wirkliches Leben beginnt in der Nacht, wenn er in einem Nachtclub mit einer Travestie-

Dazu muss man wissen, dass Dragshows in den 50/60er Jahren zwar oft ein Ort der Tätigkeit queerer Menschen war, jedoch das Publikum nicht unbedingt queer war, sondern sich vor allem aus sich selbst als hetero verstehenden Männern zusammensetzte. Hier tritt er nun auf,

seine Spezialnummer ist ein Striptease, bei dem er sich komplett auszieht und das Publikum damit überrascht, dass er keine Frau ist - auch hier ist als Hintergrund wichtig zu wissen, dass das Passing bei dieser Art von Travestie im Vordergrund stand und wenig mit den heutigen

meist genderqueeren Auftritten gemein hat. Die Männer trauen ihren Augen nicht, und das lyrische Ich sagt „je suis un homme, oh“ - ein Wortspiel da es gesungen sowohl als „ich bin ein Mann, oh „als auch ich bin ein Homo“ verstanden werden kann, also eine doppelte Offenbarung.

Nach dem Auftritt geht er mit Freuden „aller Geschlechter“ noch essen und in die Tabakbars. Diese Zeit dient ihnen zum Austausch, um frei zu sein, wie sie sind, ohne Geheimnisse. Sie treffen auch auf eine Gruppe Anderer, die sie nachahmt, in der Weise wie sie glauben

wie die Schwulen seien, sich aber dabei eher selbst lächerlich macht, denn so sagt das lyrische Ich nochmals, der Spott lässt ihn kalt, denn „je suis un homme, oh“. Danach kehrt er zurück nach Hause, wo er sich Perücke & Wimpern abnimmt & seiner Einsamkeit wieder begegnet

und keinen Schlaf findet, an eine Liebschaft mit einem Typen, der ihm das Herz im Nu entzündet hat, aber dem er niemals sein zartes Geheimnis offenbaren könnte und für den er nur eine Abwechslung war zwischen den Frauen mit denen er sonst das Bett teilt.

Das Lied schließt damit, im Vers: „Nein, keiner hat von euch das Recht Hier als schlecht Mich anzuklagen Der Grund, daß ich so anders bin Liegt von Natur aus in mir drin Ich bin ein Homo, wie sie sagen…“ Hier könnt ihr es hören: https://youtube.com/watch?v=vSIAvlatlGs

Sexualitätsbilder der 60er Jahre

Das Binäre Denken der Krankheit:

Das Nazi-Denken von der Ansteckung war reaktionär-medizinische Ansicht und wurde nun verlängert:

So, wie faule Äpfel in einer Kiste die anderen anstecken, müssen die Schwulen ausgemerzt werden, damit nicht alle Männer infiziert werden …

Die „Infektion“ war in der eigenen Partei bis an die Spitze vorhanden:

Ernst Röhm, Stabschef der SA,

https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_R%C3%B6hm :

Röhm hatte nach eigenen Angaben seine Homosexualität 1924 entdeckt, verkehrte seit Mitte der 1920er Jahre in Nachtklubs wie dem Kleist-Kasino, der Silhouette, der Internationalen Diele oder dem Eldorado und lebte seine Sexualität in den dortigen Dampfbädern aus.[33][34]

Einzelheiten über Röhms Sexualleben der Jahre 1931 bis 1934 wurden erst im Zuge eines Prozesses vor dem Landgericht München I im Herbst 1934 bekannt (Granninger und Genossen wegen Unzucht und Kuppelei), denn Röhm hatte stets darauf geachtet, nicht gegen den § 175 StGB zu verstoßen und sich nicht erpressbar zu machen.[35] Umfassend rekonstruieren lassen sich die tatsächlichen Sexualbeziehungen aber nicht, da es sich bei den überlieferten Quellen überwiegend um gerichtliche Dokumente oder Presseberichte mit politischer Denunziationsabsicht handelt.[36]

Röhms Konzeption von Homosexualität unterschied sich dabei sowohl von der sublimierten Homosexualität eines Hans Blüher als auch von der durch Magnus Hirschfeld vertretenen Vorstellung eines „Dritten Geschlechts“. Sie war vielmehr auf den militärisch-soldatischen Mann fixiert, kombinierte Kameradschaft mit aufopfernder Disziplin und war deutlich von Weiblichkeit abgegrenzt.[37]

Nach Röhms Ernennung zum Stabschef hatte die Presse immer wieder Gerüchte über Röhms Homosexualität kolportiert. Insbesondere die sozialdemokratische Münchener Post versuchte ab dem Frühjahr 1931, die Nationalsozialisten politisch-moralisch zu diskreditieren, indem sie etwa über die „warme Bruderschaft im Braunen Hause“ berichtete.[38]

Parallel dazu gab es die literarisch-poetische Bruderschaft um Stefan George, 1868-1933, der auch Hans Scholl zu seinem

Lebensmotto „Flamme sein!“

anregte.

“„In allen Phasen seines von Zoske geschilderten kurzen und bewegten Lebens war Hans Scholl (1918-1943) ein mitreißender Feuerkopf, der nichts Halbes kannte. Er ließ sich gegen den Protest seiner Eltern 1933 in die Hitlerjugend (HJ) aufnehmen, war Fahnenträger am Nürnberger Reichsparteitag 1935.

Mehr noch prägte ihn die bündische Jugend mit ihren Nordland-Reisen und ihrem Gründer Eberhard Koebel, der eine „Heldenfibel“ verfasste. Stefan Georges Satz

  „Wer je die flamme umschritt / 
  Bleibe der flamme trabant!“ 

war ihm frühes Lebensmotto, in eigenen Worten: „Wir wollen doch Flamme sein. Unsere Kraft muß federnder Stahl sein, unsere Seele trockene Weißglut“ (44).

Diese Begeisterung enthielt schon eine homoerotische Komponente, die dann auch zum Durchbruch kam. Wegen Beziehungen zu Ernst Reden und Rolf Futterknecht wurde Scholl 1937 siebzehn Tage inhaftiert, der Homosexualität (§ 175) und des sexuellen Missbrauchs Abhängiger (§174) angeklagt.“ https://www.feinschwarz.net/flamme-sein-hans-scholl-und-die-weisse-rose/

travestie.txt · Zuletzt geändert: 2020/04/25 19:07 von fritz