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Martin Buber – Vom Wesen der Autorität in der Religion

Martin Buber, befreundet mit Gustav Landauer gab nach dessen Ermordung im Gefängnis Stadelheim bei der Niederschießung der Räterepublik durch Freikorps und Reichswehr am 2.5.1919 seinen Nachlass heraus:

Er selbst war von der Aufklärung geprägt und sein unten in Fragmenten zitiertes Werk ist die hohe Ebene der Bewusstseinsbildung seiner Zeit, seiner Freunde, die auch die Entwicklung der Gestalt in Philosophie und psychologischem Denken vorantrieben:

Der Aufruf zur Revolution

war im Wesentlichen ein Aufruf, statt hierarchischer und schicksalshafter kaiserlich-königlicher und militärischer Autorität selbst zu denken und den Sozialismus, den wir schon immer in Familien und Gruppen kennen, auch in der Re-Publik, in der Sache des Volkes zu denken.

Ich und du

Martin Bubers eigene Schriften, auf die sich Laura und Fritz Perls hauptsächlich bezogen haben:

   "Die Welt ist dem Menschen zwiefältig nach seiner zwiefältigen Haltung.
   Die Haltung des Menschen ist zwiefältig nach der Zwiefalt der Grundworte, 
   die er sprechen kann.
   
   Die Grundworte sind nicht Einzelworte, sondern Wortpaare.
   Das eine Grundwort ist das Wortpaar Ich-Du.
   Das andre Grundwort ist das Wortpaar Ich-Es; 
   wobei, ohne Änderung des Grundwortes, 
   für Es auch eins der Worte Er und Sie eintreten kann.
   Somit ist auch das Ich des Menschen zwiefältig.
   
   Denn das Ich des Grundworts Ich-Du ist ein andres als das des Grundworts Ich-Es.
   ....
   Drei sind die Sphären, in denen sich die Welt der Beziehung errichtet.
   
   Die erste: das Leben mit der Natur. 
   Da ist die Beziehung im Dunkel schwingend und untersprachlich. 
   Die Kreaturen regen sich uns gegenüber, 
   aber sie vermögen nicht zu uns zu'kommen, 
   und unser Du-Sagen zu ihnen haftet an der Schwelle der Sprache.
   
   Die zweite: das Leben mit den Menschen. 
   Da ist die Beziehung offenbar und sprachgestaltig. 
   Wir können das Du geben und empfangen.
   
   Die dritte: das Leben mit den geistigen Wesenheiten.
   Da ist die Beziehung in Wolke gehüllt, aber sich offenbarend, 
   sprachlos, aber sprachzeugend. 
   
   Wir vernehmen kein Du und fühlen uns doch angerufen, 
   wir antworten - bildend, denkend, handelnd: 
   wir sprechen mit unserm Wesen das Grundwort, 
   ohne mit unserm Munde Du sagen zu können.
        ...
   Das ist der ewige Ursprung der Kunst, 
   daß einem Menschen Gestalt gegenübertritt und durch ihn Werk werden will. 
   Keine Ausgeburt seiner Seele, sondern Erscheinung, 
   die an sie tritt und von ihr die wirkende Kraft erheischt. 
   
   Es kommt auf eine Wesenstat des Menschen an:
   vollzieht er sie, spricht er mit seinem Wesen das Grundwort 
   zu der erscheinenden Gestalt, dann strömt die wirkende Kraft, 
   das Werk entsteht."  
   

Ich und Du. 1923 (2021, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 14171). S.3-10

https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Buber

Das Grundwort Ich-Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden. Die Einsammlung und Verschmelzung zum ganzen Wesen kann nie durch mich, kann nie ohne mich geschehen. Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du.

Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

Die edelste Fiktion ist ein Fetisch, die erhabenste Fiktivgesinnung ist ein Laster.

Die Ideen thronen ebensowenig über unsern Köpfen, wie sie in ihnen hausen; sie wandeln unter uns und treten uns an; beklagenswert, wer das Grundwort ungesprochen läßt, aber erbärmlich, wer sie statt dessen mit einem Begriff oder einer Parole anredet, als wäre es ihr Name! S.14


  Das aber ist die erhabene Schwermut unsres Loses, 
  daß jedes Du in unsrer Welt zum Es werden muß. 19 - 24
  
  So wäre denn jene Schwermut unsres Loses eine urgeschichtlich gewordene?
  - Eine gewordene wohl: insofern das bewußte Leben des Menschen ein urgeschichtlich geworden es ist. 
  - 
  - Aber in dem bewußten Leben kehrt nur welthaftes Sein als menschliches Werden wieder. 
  Der Geist erscheint in der Zeit als Erzeugnis, ja als Nebenprodukt der Natur, 
  und doch ist eben er es, der sie zeitlos umhüllt.
  Der Gegensatz der zwei Grundworte hat in den Zeiten und Welten viele Namen; 
  aber in seiner namenlosen Wahrheit inhäriert er der Schöpfung.
  die Sehnsucht geht nach der welthaften Verbundenheit des zum Geiste aufgebrochenen Wesens 
  mit seinem wahren Du.
  Im Anfang ist die Beziehung: als Kategorie des Wesens, 
  als Bereitschaft, fassende Form, Seelenmodel; das Apriori der Beziehung; das eingeborene Du.

Die Entwicklung der Seele im Kinde hängt unauflösbar zusammen mit der des Verlangens nach dem Du, den Erfüllungen und Enttäuschungen dieses Verlangens, dem Spiel seiner Experimente und dem tragischen Ernst seiner Ratlosigkeit. 28

21-2-22: Seite 29 zum Ichbewusstsein … Zwischenspiel Quarterly

   Wenn der Mensch es walten läßt, überwuchert ihn die unablässig wachsende Eswelt, 
   entwirklicht sich ihm das eigne Ich, 
   bis der Alp über ihm und das Gespenst in ihm einander das Geständnis ihrer Unerlöstheit zuraunen. S.44

vom-wesen-der-autoritaet-in-der-religion

von ralphbutler

Echte Autorität gibt es in der Religion wie überhaupt in der Welt nur insofern, als Gottes Wille erkannt wird. Eine völlige und adäquate Erkenntnis des Willens Gottes gibt es aber in der Geschichte nicht.

In dem Augenblick, wo sie in die Geschichte einträte, wäre die Geschichte zu Ende.

Das tatsächliche Offenbarungsereignis in der Geschichte ebenso wie im Leben des einzelnen Menschen bedeutet nicht, daß sich ein göttlicher Inhalt in ein leeres menschliches Gefäß gieße oder daß eine göttliche Substanz sich in menschlicher Gestalt darstelle.

Die tatsächliche Offenbarung bedeutet die Brechung des einigen göttlichen Licht in der menschlichen Vielfältigkeit, das heißt, die Brechnung der Einheit im Widerspruch.

Wir kennen keine andere Offenbarung als die der Begegnung von Göttlichem und Menschlichem, an der das Menschliche faktisch beteiligt ist.

Das Göttliche ist ein Feuer, das das menschliche Erz umschmilzt, aber was sich ergibt, ist nicht von der Art des Feuers …

http://buber.de/… de/offenbarung geht nicht mehr

 Das eine ist die geistige Gestalt der naturhaften Abgehobenheit, 
 das andre die der naturhaften Verbundenheit.
 
 Der Zweck des Sichabsetzens ist das Erfahren und Gebrauchen, und deren Zweck das »Leben«, 
 das heißt das eine menschliche Lebensfrist dauernde Sterben.
 
 Der Zweck der Beziehung ist ihr eigenes Wesen, das ist: die Berührung des Du. 
 Denn durch die Berührung jedes Du rührt ein Hauch des ewigen Lebens uns an.

Martin Buber Ich und Du, reclam, S. 61

um die fehlende Seite 68 im Reclam …

Was ist das: Selbst-Widerspruch? Wenn der Mensch das Apriori der Beziehung nicht an der Welt bewährt, das eingeborene Du nicht am begegnenden auswirkt und verwirklicht, dann schlägt es nach innen. Es entfaltet sich am unnatürlichen, am unmöglichen Gegenstand, am Ich; das heißt: es entfal tet sich da, wo es gar keinen Ort zur Entfaltung hat. So entsteht das Gegenübertreten in sich selbst, das nicht Beziehung, Gegenwart, strömende Wechselwir kung, sondern nur Selbstwiderspruch sein kann. Der Mensch mag ihn als eine Beziehung, etwa als eine re ligiöse, auszudeuten versuchen, um sich dem Grauen des Doppelgängertums zu entwinden: er muß immer wieder das Trügerische der Deutung entdecken. Hier ist der Rand des Lebens. Ein Unerfülltes ist hier in den wahnwitzigen Schein einer Erfüllung geflüchtet; nun tastet es in den Irrgängen umher und verliert sich immer tiefer.

So entsteht das Gegenübertreten in sich selbst, das nicht Beziehung, Gegenwart, strömende Wechselwir kung, sondern nur Selbstwiderspruch sein kann. Der Mensch mag ihn als eine Beziehung, etwa als eine re ligiöse, auszudeuten versuchen, um sich dem Grauen des Doppelgängertums zu entwinden: er muß immer wieder das Trügerische der Deutung entdecken. Hier ist der Rand des Lebens. Ein Unerfülltes ist hier in den wahnwitzigen Schein einer Erfüllung geflüchtet; nun tastet es in den Irrgängen umher und verliert sich immer tiefer. Zuweilen, wenn es den Menschen in der Verfrem dung zwischen Ich und Welt schaudert, überkommt ihn die Erwägung, daß etwas zu tun sei. Wie wenn du in schlimmer Mitternacht vom Wachtraum gepeinigt liegst, die Bollwerke sind zerfallen und die Abgründe schreien, und du merkst mitten in der Pein: es gibt das Leben noch, ich muß nur hindurch zu ihm - wie

chen, in der Zeit, als er aus seiner Sache geworfen war und nun erst von sich sprechen, sich denken mußte und durfte, nun erst sich auf sein Ich besinnen, - das nun erst erschien. Das erscheinende ist nicht bloßes Subjekt, aber auch zur Subjektivität gerät es nicht; entzaubert, aber nicht erlöst, spricht es sich in dem furchtbaren, so rechtmäßigen wie unrechtmäßigen Wort aus: »Das All betrachtet Uns!«< Zuletzt versinkt es wieder, im Geheimnis. Wer möchte, nach solchem Schritt und solchem Unter gang, zu behaupten wagen, dieser Mensch habe seine ungeheure, ungeheuerliche Sendung verstanden, oder, er habe sie miẞverstanden? Gewiß ist, daß das Zeitalter, dessen Herr und Vorbild der Dämonische, Gegenwartslose geworden ist, ihn mißversteht. Es weiß nicht, daß hier Schickung und Vollzug, nicht Machtbrunst und Machtgenuß walten. Es begeistert sich am Gebietertum dieser Stirn und ahnt nicht, wel che Zeichen darauf geschrieben stehen wie Ziffern auf dem Blatt der Uhr. Es befleißt sich, diesen Blick auf die Wesen nachzuahmen, ohne seine Not und Nötigung zu begreifen, und vertauscht die Sachstrenge dieses Ich mit gärender Eigenbewußtheit. Das Wort »Ich« bleibt das Schibboleth der Menschheit. Napoleon sprach es ohne Beziehungskraft, aber er sprach es als das Ich ei nes Vollzugs. Wer es ihm nachzusprechen sich bemüht, - 73

Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich im ewigen Du. Jedes geeinzelte Du ist ein Durchblick zu ihm. Durch je- des geeinzelte Du spricht das Grundwort das ewige an. Aus diesem Mittlertum des Du aller Wesen kommt die Erfülltheit der Beziehungen zu ihnen, und die Uner- fülltheit. Das eingeborene Du verwirklicht sich an jeder und vollendet sich an keiner. Es vollendet sich einzig in der unmittelbaren Beziehung zu dem Du, das seinem Wesen nach nicht Es werden kann.

Wenn wir eines Weges gehen und einem Menschen be- gegnen, der uns entgegenkam und auch eines Wegs ging, kennen wir nur unser Stück, nicht das seine, das seine nämlich erleben wir nur in der Begegnung. Von dem vollkommnen Beziehungsvorgang wissen wir, in der Art des Gelebthabens, unser Ausgegangensein, unser Wegstück. Das andre widerfährt uns nur, wir wis- sen es nicht. Es widerfährt uns in der Begegnung. Aber wir verheben uns daran, wenn wir davon als von einem Etwas jenseits der Begegnung reden.

das Haben der Dinge

Man findet Gott nicht, wenn man in der Welt bleibt, man findet Gott nicht, wenn man aus der Welt geht. Wer mit dem ganzen Wesen zu seinem Du ausgeht und alles Weltwesen ihm zuträgt, findet ihn, den man nicht suchen kann. 75

Hier und Jetzt

Was von der Liebe schon gesagt worden ist, gilt hier noch gewisser: Gefühle begleiten nur das Faktum der Beziehung, die sich ja nicht in der Seele, sondern zwischen Ich und Du vollzieht. Man mag ein Gefühl noch so essentiell verstehen, es bleibt der Dynamik der Seele unterworfen, wo eins vom andern überholt, übertroffen, aufgehoben wird; es steht - zum Unterschied von der Beziehung - in einer Skala.

Vor allem aber hat jedes Gefühl seinen Platz innerhalb einer polaren Spannung; es zieht seine Farbe und seine Bedeutung nicht aus sich allein, sondern aus seinem Gegenpol auch; jedes Gefühl ist gegensatzbedingt. So wird die absolute Beziehung, die in der Wirklichkeit alle relativen einschließt und kein Teil mehr wie sie, sondern das Ganze als ihrer aller Vollendung und Einswerden ist, in der Psychologie relativiert, indem sie auf ein herausgehobnes und abgegrenztes Gefühl zurückgeführt wird. Martin Buber Ich und Du, Reclam s.77

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