Arbeit am Tabu

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Mit der Angst wachsen die Tabus

Die Gefühle der Sicherheit im Umgang mit einander, mit den Kindern und Jugendlichen werden unsicherer, je mehr die Ordnungspolitik und die "political Correctness" zugreifen: Was vor zwei Jahrzehnten noch der Weg der Befreiung war, wird heute nahe am Übergriff gewertet, und mit Worten wie "Kinderpornografie"kann im Nu ein hysterischer Hype gestartet werden, der Internet-Zensur und Politiker-Rücktritte rechtfertigen soll.

Grenzen bewusst machen

Aufklärung im Wahrsten Sinne: Ralf König liest aus seinen göttlichen Comix: Da bleiben nur ungläubige Augen trocken! Aufklärung im Wahrsten Sinne: Ralf König liest aus seinen göttlichen Comix: Da bleiben nur ungläubige Augen trocken!

Das "Leben an der Grenze" war die bewusste Kunst von Laura Perls, der ersten Entwicklerin der Gestalttherapie (mit Fritz Perls und Paul Goodman) aus der Psychoanalyse. In der interkulturellen Arbeit werden uns die Grenzen auf eine weitere Art bewusst: Als Mädchen aus jüdischem Hause in Pforzheim studierte sie Psychologie und Gestaltphilosophie, lernte Fritz Perls und später mit ihm in Berlin Wilhelm Reich kennen und arbeitet in der Marxistischen Arbeiterschule mit, psychologische und sexuelle Aufklärung mit politischem Hintergrund ... (siehe Bernd Bocian: Fritz Perls in Berlin 1893-1933)

Kulturelle und traditionelle Unterschiede wie Religionen und ihre Wirkung, Aberglaube und Magie, Glaube und Weltbewusstsein, Körper und Sinn ... sie alle zeigen uns immer wieder andere Bedeutungen, Deutungen und Grenzen des Heiligen, des Heilenden, des Geschützten, des Verbotenen

Hexen und Magier wurden im Mittelalter auch als "Zaunreiter" benannt und verfolgt. Sie lebten und pflegten die Grenzen. Mythen umspielen die Themen der Liebe bis heute und verschließen sie unserem bewussten Blick und damit der Sexuellen Intelligenz Bewusstsein der eigenen körperlichen Identität, der sexuellen Wünsche und der Kommunikation dazu ist neues kulturelles Schaffen. Unsere Herkunftsfamilien und -Religionen kannten nur Gefahren, Pflichten, Verbote, ...

In der Theaterarbeit entwickeln wir ein spezielles Forschungsverhalten zu den Tabus, um sie ins Bewusstsein zu bringen:

Annäherung an Tabus

Wenn die TeilnehmerInnen ihre Statuen zum Thema Unterdrückung gestalten, ist ein Teil der Bilder sehr deutlich: offene Gewalt, Polizei, Terror. Die feinere Seite der Unterdrückung bleibt oft undeutlich - verwischt: Familienszenen, Schule, Kirche, Arbeit. Nicht nur, weil diese Unterdrückungs-Erfahrungen gleichzeitig mit moralischen und positiven Anteilen besetzt sind (im Beispiel der Elternliebe etwa: Gefordert-Sein, Glaube, Anerkennung), sondern auch, weil es nicht erlaubt scheint, naher an diese Themen zu gehen. Ein vom Vater sexuell belästigtes Mädchen kann nicht einfach davon erzählen ... Es ist ein Herausbrechen von kontroversen Gefühlen, Vaterliebe und Abneigung, die zu Selbsthaß in der eigenen Sexualität verdreht wird. Mit der Zeit habe ich versucht, die tabuisierten Themen zu systematisieren. Dabei kam ich zu einer Handvoll wichtiger Bereiche, aus der ich eine Faustregel der Unterdrückung ableitete:

Daumen: Sexualität. Wir haben kaum schöne Sprache dazu, kaum Worte, keine Lernorte (Familie?). Der beste Mißbrauch des Menschen: erotisch anheizen und dann frustrieren: setzt sehr viel aggressive, selbstzerstörerische Energie frei (die Funktionsweise des Militärs), abgegrenzte Homoerotik in Männerbünden, Kirchen, Feuerwehr, Fußball ... und entsprechend in Frauenkreisen? Würden sich sexuell zufriedene Menschen zu so viel Unsinn (und Unsinnlichkeit) in Selbstzerstörung und Konsum mißbrauchen lassen?

Zeigefinger: Geld. Darüber spricht man nicht, Geld hat man. Geld verdirbt die Freundschaft, unser Umgang damit wird fast nie thematisiert. Privat. Bankgeheimnis. Wieviel wir erben, zu welcher Finanzklasse wir gehören. Schon das Wort Kapitalismus war vor seinem endgültigen Sieg nicht zu benutzen: Sofort war man als Kommunist verdächtig. Es heißt "freie Marktwirtschaft". Diskrete Honorarverhandlungen runden meine Arbeit ab.

Mittelfinger: Sinn des Lebens, Religion. Entweder im konfessionellen Fertigpack (Taufe, Einweihung, Hochzeit, Beerdigung) in den Ausgaben ev./kath./Isl./jüd./ ... oder in der mühsameren Do-it-your-self-Methode a-theistischer Sinnmodelle der Menschheit bis zum immer wieder aktuellen Absurden. Die Worte dazu sind durch Pfarrer belegt und verdorben; es gibt kaum Gesprächsorte außer der Telefonseelsorge, oder wo philosophieren Menschen miteinander ausser in Primitiv-Versionen am Biertisch?

Ringfinger: Krankheit und Tod. Wenn die letzten Fragen gestellt werden: Betroffenheit, Lähmung, wenn jemand von eigenem Krebs, Aids, HiV, Leukämie erzählt; die erschreckende Aura des Selbstmordes, die Jämmerlichkeit unserer Trauer und ihre lächerlichen Formen zwischen Nachricht, Beileid und Beerdigung. Spießerpomp und Trostgefasel. Das Wort "Trauerarbeit" im Munde aller gefühlsfreien Menschen; unser Selbstmitleid als heiligste Gemütsbewegung. Selten schön ein guter Abschied.

Kleiner Finger: Anders sein als andere und nicht dazugehören, Ausländer, arm, schwul, lesbisch, behindert, Frau im Männerbereich und umgekehrt, nicht leistungsfähig, unsicher. Punkte, in denen wir stillschweigend die Unterordnung erkennen, uns für minder halten.

Gemeinsame Eigenschaften aller Tabus: Es fehlt die Sprache, sie wirklich treffend anzupacken; gleichzeitig liegt eine Geschwätzigkeit der Ablenkung darüber. Paulo Freire verwendet die Begriffe "Mythen" und Kultur des Schweigens": Wir haben immer gute Gründe, nicht darüber zu reden. Wenn wir es trotzdem wollen, geht es nicht: Wir kommen vom Thema ab, werden unruhig, müssen rauchen ... Wenn wir plötzlich müde werden, gähnen, Kopfschmerzen bekommen, wenn wir auf einmal wirklich nicht mehr wissen, was wir gerade wollten: dann haben sie gut gearbeitet, unsere Polizisten im Kopf z.T. Auszug aus dem Artikel: Bewusstseinsbildung in der Theaterarbeit

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